Lettland, Kuldiga

 Neuer Wohnort heute

Lettland, Riga >

2005

Ort

Haus

Wohnung

Personen

 

Fotos

Text

Bezirk Kuldiga, Republik Lettland

13’500 Einwohner

Mehrfamilienhaus, Baujahr 1920, Eigentum der Stadtverwaltung, Renovierung 1982

44,5 m2, Eigentum (privatisiert)

Amanda (35), Kunstlehrerin 

Kater Pelecis

Amanda Berga

Signija Taurin a-Alksne

Sie heisst Amanda, ist 34 Jahre alt und arbeitet als Lehrerin in einer Kunstschule. Freiberuflich ist sie auch Künstlerin. Mit künstlerischen Aktivitäten verbringt sie auch ihre Freizeit. Und sie unternimmt viel mit Freunden, mal fahren sie irgendwohin mit den Fahrrädern, mal spielen sie Karten oder andere lustige Spiele, gehen ins Kino oder im Sommer irgendwohin sich sonnen oder schwimmen. Sie wohnt in einer Wohnung zusammen mit ihrem Kater. Er heisst Pelecis, weil er grau ist, und grau bedeutet auf Lettisch peleks.

 

Das Haus, in dem sie wohnt, liegt fast im Zentrum von Kuldga. Ihre knapp 45 m2 kleine Wohnung renoviert und gestaltet Amanda aus Geldmangel sehr langsam, aber alles wird genau durchdacht, jeder Gegenstand hat seinen Platz, sogar die Teetassen werden der Einrichtung angepasst. Fast alles an der Renovierung und Einrichtung macht Amanda selbst, sogar Möbel. Den Tisch im Wohnzimmer – oder in der Küche, weil sie keine Küche im eigentlichen Sinne hat – hat sie aus einem sehr alten Tisch neu gestaltet, geschliffen und lackiert. So hat sie noch ein paar alte unbrauchbare Gegenstände zu Möbelstücken umgewandelt.

 

Amanda verbringt wenig Zeit zu Hause. Morgens isst sie etwas und trinkt Kaffee, und dabei schaut sie aus dem Fenster und beobachtet Leute. Wenn sie morgens frei hat und nicht früh zur Arbeit muss, malt oder zeichnet sie jemandem etwas – eben alles, was man braucht und nicht braucht. Solche künstlerischen Arbeiten macht sie am liebsten gerade am Morgen. Abends ist sie spät zu Hause. Dann isst sie etwas. Sie kocht aber nicht zu Hause, weil sie ja keinen Herd hat. Manchmal liest sie noch etwas oder sitzt am Computer. Wenn aber Freunde kommen, spielen sie meistens Karten. Gäste empfängt sie in der Wohnzimmer-Esszimmer-Küche. Fern schaut sie nicht, weil sie keinen Fernseher hat. Am Wochenende geht sie ins Café zum Essen. 

 

Als ihren Lieblingsplatz nennt sie das Schlafzimmer (das noch nicht vollständig renoviert ist), weil da die Morgensonne scheint. Es ist dann wunderbar hell dort. Licht. Licht ist das, was sie am wunderbarsten findet. 

 

Vorher wohnte sie in Liepja. Liepja (dt. Liebau) ist eine Stadt am Meer. Sie hat dort studiert und zusammen mit einer Kommilitonin in einem alten Holzhaus gewohnt. Ihre Wohnung war im 1. Stock und hatte zwei Zimmer, zwei Küchen und zwei Eingänge. Wahrscheinlich waren es früher zwei Zweizimmerwohnungen.

 

In der Zukunft würde sie gerne in einem Haus am Meer oder an einem Fluss wohnen. Hauptsache, in Kurland. Und das Haus sollte viele Dachzimmer haben.

2017

Ort

Haus

Wohnung

Personen

 

Fotos

Text

Kuldiga, Republik Lettland      
11’800 Einwohner

zweigeschossiges Mehrfamilienhaus, Baujahr 1920 (vollständige Renovierung 1982), Eigentum der Stadtverwaltung Kuldiga

1 Zimmer, 44,5 m2, 1. Obergeschoss, Eigentum (gekauft)

Amanda (47), Kunstlehrerin 
Zigmunds (46), Gestalter Holz, Möbel und Räume
Elza (7), Schülerin

Kater Nelsons (2)

Amanda Berga-Darzzina

Signija Taurin a-Alksne 

Amanda bewohnt diese Wohnung nicht mehr alleine, wie es damals 2005 der Fall war, als das Projekt «Türen auf» gestartet wurde. Im Jahr 2008 nämlich wanderte die Ausstellung durch Lettland, und in einem Bauhaus in Riga, in dem die Fotografien und Lebensgeschichten ausgestellt waren, hat ein «netter Mann» die Bilder von Amanda und ihrer Wohnung gesehen. Nachdem er die Geschichte von Amanda und ihrer Wohnsituation gelesen hatte, war ihm gleich klar, dass er vieles mit Amanda gemeinsam hat, und er wollte sie gerne kennenlernen. Wenig später haben sie sich durch einen Zufall auch getroffen. Ein paar Jahre später haben sie geheiratet, und sie bewohnen jetzt diese Wohnung zu viert – Amanda, ihr Mann Zigmunds, die gemeinsame Tochter Elza und Kater Nelson. Auch wenn Elza gerne am liebsten die ganze Zeit in Kuldiga wohnen würde, nutzen sie das Haus vor allem während der Urlaubszeit.

 

Amanda ist Kunstlehrerin und arbeitet im Kindergarten. Auch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit der Kunst – sie bastelt, malt und zeichnet für sich und andere. Zigmunds arbeitet bei einer Innenarchitekturfirma als Projektleiter. In der Freizeit beschäftig er sich gerne mit dem Bau von Möbel- und Leuchtenprototypen. Tochter Elza ist Schülerin und tritt in die Fussstapfen ihrer Eltern – sie ist sehr kreativ und künstlerisch begabt.

Die Wohnung in Kuldga wird als Ferienwohnung benutzt. Die Familie verbringt im Sommer, über die Ferien und manchmal am Wochenende viel Zeit in der Wohnung. 

 

Doch sie verbringen auch viel Zeit ausserhalb der vier Wände, zum Beispiel mit Stadtspaziergängen oder dem Erkunden anderer schöner Ortschaften in der Gegend. 

Die Familie hat keine feste Esstradition. Alles hängt von der jeweiligen Situation und den aktuellen Vorlieben der Familie ab. Am Küchentisch sitzen sie oft zusammen mit Freunden und geniessen die sommerlichen Früchte, trinken Kaffee und Tee und essen die leckeren Quarkbrezeln, die man nur in Kuldga bekommt.

 

Die Küche ist Amandas Lieblingsplatz. Sie liebt es, am Tisch zu sitzen, weil man von dort die schönen Ziegeldächer und die Tauben sehr gut sehen oder die Schlaglichter des Sonnenaufgangs und den Sonnenuntergang beobachten kann. Und in der Küche, meistens auf dem Tisch, steht auch ihr Lieblingsgegenstand, ein kleines Kunstwerk: der Katzenkönig aus Schamotte. 

In der Wohnung wurde die Zwischenwand abgerissen, und so ist aus zwei kleinen Räumen ein grosser Raum entstanden, und der Holzboden wurde restauriert. Unter dem vorspringenden Dach wurden Regale eingebaut. Die Möbel sind auf ein Minimum reduziert, damit man die Szenografie frei ändern kann.

 

Die Einrichtung und die Gestaltung der Wohnung bestimmen sie selber. Einige Möbel warten noch auf ihre Verwirklichung, und es kann sein, dass die Kücheneinrichtung, ein langer Traum von Amanda, auch bald wahr wird.

 

Vor 15 Jahren wollte Amanda ein Haus am Meer oder Fluss haben. Ein Haus hat sie nicht, aber eine Wohnung in der Hauptstadt und eine Ferienwohnung nah am Fluss Venta in Kuldiga. Alles ist eine Sache der Perspektive.

2005

ta1_lv03_1_hausaussen.jpg
ta1_lv03_2_bewohnerin.jpg
lv03_grundriss-1.jpg
ta1_lv03_3_aussicht.jpg
ta1_lv03_4_esszone.jpg
ta1_lv03_5_wohnen.jpg
ta1_lv03_6_lieblingsecke.jpg

2017

ta2_lv03_1_1_Haus.jpg
ta2_lv03_1_3_Ausblick.jpg
ta2_lv03_1_2_Bewohner .jpg
ta2_lv03_1_4_Essplatz.jpg
ta2_lv03_1_6_Lieblingsecke.jpg
ta2_lv03_1_5_Wohnbereich.jpg
lv.jpg

Im Basisprojekt 2005 wählten die Studierenden der Dolmetscherschule an der Augstskola in Ventspils die Wohnbeispiele aus. Es waren meist Menschen aus dem Beziehungsnetz der Studierenden. Die engagierte Dozentin Lil Reif brachte einen starken Bezug zur Kultur und Sprache des Landes ein. Alle Texte wurden im lettischen Originaltext in einer Broschüre publiziert. Signija Taurin a war damals Studentin, bereits mit eigener Familie und zwei Kindern. Amanda ist ihre Kusine. Sie war als Kunsterzieherin in der Kleinstadt Kuldiga tätig.

 

Kuldgia (dt. Goldingen) ist eine sehr alte Stadt aus dem 14. Jahrhundert und liegt im Westen Lettlands. Im 17. Jahrhundert war Kuldiga die Residenz der kurländischen Herzöge. Heute ist Kuldgia Gebietszentrum.

Inzwischen wohnt Amanda in Riga. Wie viele Letten ist sie von der Kleinstadt in die Hauptstadt gezogen, wo es Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung gibt. 

 

Im Grossen und Ganzen herrscht in Lettland bei jungen Leuten die Tendenz, von den Dörfern in die grösseren Städte weg nach Riga oder gar ins Ausland zu ziehen. In den Dörfern gibt es nur noch sehr wenige Schulen, da dort zu wenige Kinder leben. Das hängt damit zusammen, dass man nur in den Städten Arbeit finden kann. 

 

Doch es gibt auch einen Gegentrend: Da in Riga viele Menschen wegen der hohen Kosten auf sehr engem Raum wohnen, verspüren diese den Wunsch, dorthin zu ziehen, wo es ruhiger ist und sie mehr Freiraum haben. Es sind meist Menschen, deren Kinder schon ausgebildet sind, die genug Geld in der Stadt oder im Ausland verdient haben und nun ein ruhiges Leben auf dem Land verbringen wollen. Manche haben nur Ferienhäuser. Andere wiederum fangen sogar mit Landwirtschaft an. Es gab Zeiten, da konnte man dem Aussterben der Dörfer zusehen. Damals blieben nur alte Leute zurück. In den letzten Jahren sieht man sehr deutlich, dass in kleineren Städten neue Häuser gebaut oder alte Höfe renoviert, gepflegt und bewirtschaftet werden.

Auch Amanda hat das Talent, ohne grosse Investitionen und mit einfachen künstlerischen Mitteln einen hochwertigen Raum zu gestalten. So ragte ihr Zuhause 2005 aus allen Wohnbeispielen von «Türen auf» heraus. Aus diesem Grund interessierte es uns auch, wie sie heute eingerichtet ist.

Signija ist inzwischen professionelle Übersetzerin Deutsch-Lettisch. Mit dem neuen Projekt vertiefte sie die Beziehung zu Amanda und ihrer Familie. Beide pflegen ihre Nähe zu Kuldga: Amanda verbringt die Ferien in der ehemaligen Wohnung, Signija bewirtschaftet in der Freizeit einen alten Bauernhof der Familie.